• Berit Bogs

Gefühle fühlen

Ohne Emotionen wäre das Leben ganz schön langweilig. Aber wenn wir ehrlich sind, hätten wir gerne nur die schönen - die, die sich gut für uns anfühlen und mit Freude und Wohlbefinden verbunden sind.


Freud und Leid: Zwei Seiten derselben Medaille


Der menschliche Geist ist einfach so gestrickt, dass er Unangenehmes am liebsten vermeidet und von dem Angenehmen gar nicht genug bekommen kann. Das ist ein unbewusstes Muster, das für unsere Urahnen der Steinzeit sicher überlebensnotwendig war. Uns Neuzeit-Menschen verwehrt dieser Mechanismus aber den Zugang zur wahren Fülle des Lebens. Denn unangenehme und angenehme Gefühle sind die zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Zum Leben gehört halt Freud und Leid. Wer schwierige Emotionen wie Wut, Ärger oder Traurigkeit als menschliche Erfahrung akzeptieren und fühlen kann, wird auf der anderen Seite durch ein intensiveres Erleben der schönen Momente beschenkt. Zärtlichkeit, Glück und Liebe bekommen eine ganz neue Tiefe.


Mit der RAIN-Methode aus Emotionen Gefühle machen


Zunächst einmal sind Emotionen einfach nur geistige Prozesse, die in unserem Kopf als Dramen und Geschichten im Dauerloop laufen und sich dadurch immer wieder neu anheizen. Wir legen mit unseren inneren Erzählungen immer wieder selbst Brennstoff nach und halten die emotionale Kopf-Küche am Köcheln. Und manchmal kocht sie halt auch über. Diesen Kreislauf zu unterbrechen, kann ganz schön schwierig sein.


Um diesen Brennstoff zu löschen, ist es wichtig, die Emotionen aus dem Kopf heraus in den Körper zu bringen und dort zum Beispiel als Enge, Druck, Hitze, Kälte oder Verkrampfung zu fühlen. Man leitet damit die Energie der Kopf-Küche in den Körper um, wo die Emotion das sein kann, was sie im Grunde ist: eine energetische Erfahrung, die aufsteigt, eine Zeit lang da ist und dann auch auch wieder ausklingt. Aus den Emotionen werden Gefühle - etwas, das man fühlt.


Wie geht dieses Fühlen nun genau?

Da gibt es verschiedene Herangehensweisen. Ich finde dazu die RAIN-Methode sehr hilfreich, die die amerikanische Psychologin und Meditationslehrerin Tara Brach entwickelt hat.


Die einzelnen Buchstaben des Wortes ‚RAIN‘ beinhalten die vier Schritte:


R Recognize (Realisieren): Erkennen, dass man in einer emotionalen Situation feststeckt

A Allow (Akzeptanz): Der Erfahrung erlauben da zu sein, so wie sie ist

I Investigate (Interesse): Mit Interesse die Auswirkungen im Körper wahrnehmen und untersuchen

NNourish (Nähren): Selbstmitgefühl praktizieren und sich selbst die inneren Worte oder Gesten schenken, die man braucht


Einige innere Fragen können diesen Prozess sehr unterstützen:

  • Was möchte da gefühlt werden?

  • Kann ich damit sein (und wenn es nur der nächste Atemzug ist)?

  • Was passiert, wenn ich die …. (z.B. Wut) so groß werden lasse, wie sie werden möchte?

  • Was ist der schwierigste Teil daran?

  • In welchem Körperteil fühle ich es?

  • Falls ich nichts fühle, wie fühlt sich dieses ‚Nichts‘ an?

  • Wenn der verletzlichste Teil mit mir kommunizieren könnte, was bräuchte es von mir?


Der Trick beim Üben mit der RAIN-Methode besteht darin, sich dabei nicht wieder in den emotionalen Gedanken-Geschichten zu verstricken. Stattdessen dürfen (und sollen!) die Emotionen als lebendige Energie und Erfahrung auf körperlicher Ebene gespürt und mitfühlend gehalten werden, so dass sie letztendlich ausklingen können.


Vorsicht bei traumatischen Erfahrungen!


Aber: Mitunter kann es weise sein, bestimmte Erfahrungen nicht zu fühlen, weil sie vielleicht zu schmerzhaft sind und die eigenen Ressourcen für einen angemessenen Umgang damit (noch) nicht ausreichen. Besonders im Umgang mit Traumata ist eine professionelle Begleitung deshalb wichtig!


Für unsere alltäglichen Emotionen ist die RAIN-Methode aber ein wunderbares Werkzeug. Jeder einzelne Schritt kann eine Herausforderung, aber auch ein Geschenk sein, das Leben da zu fühlen, wo es sich abspielt - nämlich in unserem Körper. Manchmal benötigt dies seine Zeit. Und ja, schwierige und unangenehme Emotionen werden trotz allen Übens immer wieder da sein. Aber das Schöne ist, dass sich der eigene Umgang damit verändern kann. Wir agieren unsere Verletztheit oder Enttäuschung dann vielleicht nicht mehr in einem überkochenden Verhalten aus (oder zumindest nicht mehr so lange), sondern nehmen sie einfach als Teil unserer bunten Lebenssuppe war.